1938-1945

Im Schuljahr 1938/39 wurden in Österreich die Mittelschulen in “Höhere Schulen” mit der Hauptform “Oberstufe für Jungen” “ Englisch ab der ersten Klasse, Latein ab der dritten Klasse “ umgewandelt.
Im selben Zeitraum musste das Institut vom Wilhelminenberg in den 8 Bezirk Josefstadt (ehem. Damian-Palais, auch Maria-Theresien-Schlössl genannt) übersiedeln. Die Übersiedlung erfolgte in Etappen.
Die Gymnasiasten wurden dem Piaristengymnasium und die Hauptschüler der Hauptschule in der Zeltgasse (8. Bezirk) zugewiesen. Durch die Umwandlung der Gymnasien in Oberschulen waren auch die Sängerknaben Oberschüler geworden. Sie wurden wie bisher von staatlichen Lehrern im Internat unterrichtet, hatten ihre Examen aber in der Schule am Jodok-Fink-Platz (8. Bezirk) abzulegen. Da der enge Kontakt zwischen Prüfern und Schülern fehlte, gab es immer wieder Schwierigkeiten bei den Prüfungen. Die Notenskala wurde auf sechs Stufen erweitert und umfasste nun sehr gut, gut, befriedigend, ausreichend, mangelhaft und ungenügend.

Die Eltern mussten Schulgeld, gestaffelt nach ihrem Einkommen zahlen. So hatten 1940 neun Oberschüler einen Freiplatz, mehrere mussten nur einen Teil zahlen und nur ein Schüler entrichtete die volle Gebühr.

Professor Grossmann regte erneut eine Umwandlung der schulischen Betreuung an. Es sollte ein zehnklassiges “Musisches Gymnasium” errichtet werden, und zwar nach dem Vorbild einer Schule, die es bereits seit 1939 in Frankfurt am Main gab. Grossmann stellte nach einem Besuch folgendes fest: “Es ist eine in allen wissenschaftlichen, körperlichen und künstlerischen Fachgebieten voll ausgebaute Internats-Oberschule, die Musik, Sprache und Rhythmik in die Mitte stellt. Buben, die aufgrund eines umfassenden Tests für diese Internatsschule in Frage kommen, treten schon nach der 2. Volksschulklasse in das Musische Gymnasium über. In der folgenden zweijährigen Vorstufe beginnt die musikalische Erziehung. Nur wirklich musikbegabte Schüler, die auch in ihren unterrichtlichen wie körperlichen Leistungen über den Durchschnitt hinausragen, werden in die höhere Schule überführt. Die musikalische Erziehung setzt mit Chorgesang und einer gediegenen stimmlichen Schulung ein. Die instrumentale Ausbildung steht während der Mutation der Schüler im Vordergrund. Nach der Pubertät wird nichts unterlassen, die ehemals schönen Knabenstimmen bei sorgfältiger Behandlung zu ebenso schönen Männerstimmen zu entwickeln. Im Lehrplan sind selbstverständlich auch die musikalisch-theoretischen Fächer vertreten. Der Klassenunterricht erstreckt sich neben der Stimmbildung auf jugendgeeignete, für künstlerische Betätigung in Frage kommende Instrumente, ferner, je nach Begabung, auch auf Musiklehre und Komposition. Die wissenschaftliche Ausbildung wird durch den Musiklehrplan nicht beeinträchtigt. Auch der körperlichen Ertüchtigung ist in- und außerhalb der Schule weitgehendst Rechnung zu tragen. Das Reifezeugnis des Musischen Gymnasiums ermöglicht den Zugang zu jedem sonstigen Beruf, im besonderen aber die Zulassung zu einem künstlerischen Studium.” (Grobauer 1999 S. 139)

Berlin sah fünf derartige Sonderanstalten vor, wobei eine in Wien “dem Zentrum der musikalischen-künstlerischen Begabungen des Reiches” eröffnet werden sollte. Dieses würde in schulischen Belangen dem Reichsministerium für Erziehung und Unterricht unterstehen. Für alles übrige wäre die Stadt Wien zuständig. Als Objekt wurden das Augartenpalais oder das Schloss Laxenburg in Betracht gezogen. Verhandlungen wurden aufgenommen. Das Ziel war, den Schulbetrieb ab 1940 aufnehmen zu können.
Grossmann war für eine strenge Auslese der Talentierten. Die 3. und 4. Vorstufenklasse sollte als Parallelzug mit je 30 Buben geführt werden. Am Ende der 4. Oberschulstufe sollten nur mehr die wirklich Hervorragenden an der Schule verbleiben. Der persönliche und geistige Kontakt zwischen Schüler und seinem Fachlehrer sollte “ nach Meinung Grossmanns “ einem Meister-Lehrling-Verhältnis ähneln. Zweige der Allgemeinbildung würden in Seminaren oder Arbeitsgemeinschaften vermittelt werden wie z.B. Philosophie und Kulturgeschichte in engem Zusammenhang mit Kunstgeschichte und Musikgeschichte. Grossmann wollte weiters die Vermittlung einer lebenden Fremdsprache sowie die einer klassischen “ zur Einführung in die Denkweise der Antike. Auch Mathematik sollte einen hohen Stellenwert haben. Außerdem sollte jeder ein eigenes Zimmer haben, mit einem Klavier und dem zur Ausübung seines künstlerischen Zweiges Notwendigen.
Die körperliche Ertüchtigung sollte “ nach Vorstellung Grossmanns “ täglich Frühsport und 5 Turnstunden wöchentlich beinhalten.

Um Nachwuchs brauchte sich das Institut in dieser Zeit nicht zu sorgen. Mitte Oktober 1940 drängten 800 Acht- bis Zehnjährige aus allen Wiener Volksschulen ins Maria-Theresien-Schlössl, um ihre Eignung zur Ausbildung im Sängerknabenchor prüfen zu lassen.
Das Internatsleben war folgendermaßen geregelt: Wecken 7 Uhr, Bettruhe 20 Uhr 30, dazwischen Mahlzeiten um 7.30 Uhr, 12.15 Uhr, 18.00 Uhr, Schule von 8 bis 12 Uhr, dann zwischen 13 und 14 Uhr Freizeit, anschließen 2 Stunden Chorprobe und 2 Stunden Studium, nach dem Abendessen Freizeit oder Sonderstudium.

Durch die Kriegswirren in den nächsten Jahren waren auch bei den Sängerknaben Störungen im Schulbetrieb aufgetreten. Dennoch fanden sich im Schuljahr 1944/45 dreißig Oberschüler zur ersten und zugleich letzten Trimesterprüfung im Dritten Reich in der “Oberschule für Jungen” (heute BRg VII) in der Kandlgasse (7. Bezirk) ein.
Durch die zunehmenden Bombardements von Wien war aber ein weiteres Verbleiben unverantwortlich und es wurde ein Evakuierungsort gesucht. Dieser wurde im Schloss Hartberg bei Gloggnitz gefunden. Die geplante Übersiedlung zog sich jedoch hin und scheiterte schließlich.
Im Jänner 1945 wurde schließlich die Evakuierung nach Hinterbichl (Osttirol) angeordnet. Die Sängerknaben hatten dort Unterricht und Proben.

Rektor Schnitt kehrte am 17. April 1945 ins Maria-Theresien-Schlössl zurück, um die tatsächliche Leitung des Institutes Wiener Sängerknaben wieder zu übernehmen. Er stellte in Wien einen eigenen Chor zusammen und nahm Konzerttätigkeiten wieder auf.
Grossmann hatte von diesen Aktivitäten keine Kenntnis, und so gab es zwei Chöre. Es kam wegen der bestehenden Konkurrenzsituation zu Unstimmigkeiten zwischen ihm und Schnitt.
Im März 1946 kehrten die Sängerknaben aus Hinterbichl zurück nach Wien. Das Zusammenwirken der beiden Chöre war aber nicht sonderlich gut. Grossmann und Schnitt wollten jedoch beide nicht die Leitung abgeben.