1918-1938

Nach dem Zusammenbruch der Donaumonarchie wurde die Hofmusikkapelle mit allen Rechten und Pflichten dem Staatsamt (später Bundesministerium) für Inneres und Unterricht zugewiesen. Aufgrund von massivem Geldmangel konnten im Juni 1918 zwar noch neue Buben aufgenommen werden, doch ihre Betreuung und Verpflegung im Löwenburgischen Konvikt, wo die Hofsängerknaben seit 1866 untergebracht waren und im Piaristengymnasium war nicht mehr finanzierbar. Im Sommer 1920 war das Ende für die Hofsängerknaben gekommen.

Im Februar 1924 bemühte sich der Rektor der Wiener Hofburgkapelle Josef Schnitt um eine Erneuerung des Sängerknabeninstitutes. Sein Anliegen war es, die Sopran- und Altstimmen bei den Messen in der Hofburgkapelle wieder mit Knabenstimmen besetzen zu können.
Rektor Schnitt unterbreitete dem Unterrichtsministerium das Angebot, persönlich die musikalische und pädagogische Leitung des von ihm geplanten Institutes zu übernehmen. Weiters wollte er auch das notwendige Kapital dafür aus eigenen Mitteln zur Verfügung stellen und die Verpflichtung übernehmen, das Sängerknabenkonvikt fünf Jahre lang zu erhalten.

Im Mai 1924 fanden die ersten Aufnahmeprüfungen statt (12 Knaben). Bereits im September erklärte Schnitt, dass das “Sängerknabenkonvikt der ehemaligen Hofburgkapelle” in seiner Wohnung und in zwei weiteren Räumen der Hofburg seine Tätigkeit aufgenommen habe. Die Hofsängerknaben von einst wurden 1927 in “Wiener Sängerknaben” umbenannt.

Bis zum Jahre 1928 besuchten die Knaben als ordentliche Schüler das BG VIII der Piaristen. Ab 1928 wurde dann ein eigener Schulbetrieb eingerichtet, um das Mitwirken der Sängerknaben bei diversen Aufführungen und Reisen besser zu gewährleisten. Finanzielle Engpässe führten aber bald zu sehr schlechten Wohn- und Arbeitsverhältnissen des Institutes, das zur Gänze in der Hofburg untergebracht war. Besonders die Aufenthalts- und Studierräume waren finster und schlecht beheizbar, sodass Josef Schnitt vom Unterrichtsministerium neue, allen hygienischen und pädagogischen Anforderungen entsprechende Räumlichkeiten forderte. Am 4. Februar 1929 konnten die Sängerknaben schließlich ein ganzes, neu adaptiertes Geschoß im 2.Stock des neuen Hofburgtraktes beziehen.
Das Ziel der Institutsschule war es, den schulischen Betrieb bei aller musikalischen Arbeit nicht zu vernachlässigen. So gliederte sich der Lehrkörper in einen musikalischen Teil (7 Kapellmeister und 4 Instrumentallehrer) und einen wissenschaftlichen Teil (ca. 20 Professoren und 1 Schulleiter).
Die Schüler erhielten bis zum 14. Lebensjahr eine private Ausbildung, die sich wie folgt gliederte: Volks-, Gymnasial-, Haupt- und Realschule. Dieser oft sehr individuell gestaltete Unterricht in Kleingruppen wurde auch als “Prinzenunterricht” bezeichnet.
Um 1930 machte Rektor Schnitt den Vorschlag, dass die Kinder an einer Bundeserziehungsanstalt Semesterprüfungen ablegen sollten. Das Schulmodell nannte sich Vorbereitungsanstalt, bei der die Knaben in einer Schule als Privatisten eingeschrieben waren und dort ihre Semesterprüfungen machten. Diese Aufgabe übernahm bis zur Übersiedlung von der Hofburg ins Schloss Wilhelminenberg das Piaristengymnasium im 8. Bezirk.
Nur ein einziges Mal wurde versucht, den Unterricht auch auf einer Reise fortzuführen, jedoch ohne Erfolg.
Nach dem Stimmbruch blieben die meisten Knaben noch als sogenannte “Mutanten” im Konvikt und wurden mitversorgt. Als Gegenleistung beaufsichtigten sie die Jüngeren während der Studienzeit, halfen ihnen bei den Hausaufgaben oder waren sonst wie tätig.

Im April 1934 übersiedelten die Wiener Sängerknaben ins Schloss Wilhelminenberg, nachdem die Hofburgräumlichkeiten für die nunmehr 80 Knaben nicht mehr ausreichten. Mit der Übersiedelung fanden die Prüfungen für die Gymnasiasten am BG XVI Maroltingergasse statt. Die Volks- und Hauptschüler wurden der Hauptschule in der Lorenz-Mandl-Gasse zugeteilt.

Die Sängerknaben blieben auch von den Ereignissen im März 1938 nicht verschont. SA-Leute erschienen am Institut im Wilhelminenschloss und erklärten es für beschlagnahmt. Rektor Josef Schnitt bekam Hausverbot, der langjährige Schulleiter Dipl.Ing. Dr. Franz Marboe durfte bleiben. Prof. Ferdinand Grossmann, der ständiger Dirigent der Hofkapelle war, wurde ins Direktorium aufgenommen.
Der katholisch-nationale Universitätsprofessor Oswald Menghin wurde Unterrichtsminister. Er verfügte die Anbringung von Hitlerbildern in allen Schulräumen. Auch im Schloss Wilhelminenberg wurde noch im März 1938 eine nationale Feier veranstaltet. Die Sängerknaben und ihre Lehrer fanden sich vor einer Hakenkreuzfahne ein und vor dem Bild des Führers wurde vom kommissarischen Leiter, Dr. Georg Gruber, eine Ansprache über die historische Bedeutung des Anschlusses gehalten.
Der Lehrkörper wurde auf seine politische Geisteshaltung geprüft. Ziel war es die wesentlichen Elemente/Lehrinhalte der nationalsozialistischen Ideologie auch im Institut der Wiener Sängerknaben zu verankern. Die musikalische Verpflichtung der Buben ermöglichte aber nur eine äußerst komprimierte Wissensvermittlung.
Eine besondere Aufwertung bekam der Turnunterricht, da die körperliche Ertüchtigung der Jugend zur Maxime nationalsozialistischer Erziehung erhoben wurde. Mit besonders strenger Beurteilung glaubte auch der Turnprofessor des BG XVI dem Schlagwort “Leibeserziehung ist eines der wichtigsten Lebensgebiete des deutschen Volkes” Nachdruck verleihen zu müssen, was zu auffallend schlechteren Klassifikationen führte.

Prof. Grossmann regte im September 1934 ein Denkmodell zum Thema Schule an: “Ich bin der Meinung, dass für die Wiener Sängerknaben eine eigentliche Lehranstalt mit Konvikt, ähnlich der Leipziger Thomas-Schule, zu gründen wäre. Damit könnte die Realisierung der von anderer Seite aufgetauchten Idee der Bildung eines “Musischen Gymnasiums” verbunden werden. In dieser Lehranstalt müssten Musik und andere schöne Künste im Vordergrund der Erziehung stehen.” (Grobauer 1999, S.78)